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Krisenbarometer

"Was macht Dir momentan am meisten Sorgen?"

Wir, die Sunflower Foundation, befassen uns mit dem allgemeinen Verständnis von Geld. Aber: ist Geld unsere Hauptsorge?

Arbeitslosigkeit, Kriege auf der Welt, Luftverschmutzung, Populismus, Korruption - all das kann uns Sorgen machen. 

Wir haben daher das Krisenbarometer entwickelt und würden gerne mit Ihnen zusammen herausfinden, welche Krisen uns bewegen. 

www.krisenbarometer.com


Unten Information über verschiedene Krisenkategorien und einige Beispiele aus der Vergangenheit - für eine historische Perspektive. 

Krise oder Routine?

Letzte Änderung:05/10/2019

Umweltkrisen

1.) Erderwärmung, Klimawandel
2.) Luft-, Licht-, Meeresverschmutzung, Bodenvergiftung
3.) Vernichtung der Artenvielfalt (Sprachen, Tiere, Pflanzen)

 

Letzte Änderung:05/10/2019

Wirtschaftskrisen

1.) Arbeitsmarktkrise
2.) Wachstumskrisen, Finanzmarktkrise, Währungskrise
3.) staatlliche Überschuldungskrise

Letzte Änderung:05/10/2019

Politische Krisen

1.) Demokratiekrise, Wahlbetrug, Korruption
2.) rechts/ links Populismus, Radikalisierung, Revolten
3.) Bewaffnete Konflikte, Kriege

Letzte Änderung:05/10/2019

Soziale Krisen

1.) Flüchtlings-, Migrationskrise
2.) Soziale Ungleichheit, Spaltung der Gesellschaft
3.) Kriminalität, Ausgrenzung

 

Eine exzellente Analyse des gesellschaftlichen Umbruchs im folgenden Beitrag: phoenix persönlich mit Cornelia Koppetsch am 14. Juni 2019. In der Sendung "phoenix persönlich" spricht Michael Krons mit der Soziologie-Professorin Cornelia Koppetsch über die Veränderungen unserer Gesellschaft und über die Frage, welche Folgen sie für die Parteienlandschaft hat. Cornelia Koppetsch spricht über ihr aktuelles Buch „Die Gesellschaft des Zorns“. Video gekürzt auf 21 Min., Original hier

Letzte Änderung:12/10/2019

Individuelle Krisen

1.) Sinnkrise in Partnerschaft, Familie, Beruf
2.) Armut, Überschuldung, Geldnot
3.) Erschöpfung oder Krankheit (Burnout)

Letzte Änderung:05/10/2019

Themen

Unsere Forschungsbeiträge werden in den folgenden Gebieten vergeben:

Wieso diese Themen?

Unsere Themen sind beeinflusst von der Sunflower Gesprächsrunde (Geld:kritisch), die wir während zehn Jahren begleiten durften, und deren Ausformulierung durch Eske Bockelmann. Dies betrifft die ersten sechs Themen. Auch Umgang mit Risiko und neue Finanz-Technologien  bedürfen viel Forschung. Z.B. die Diskussion um eine Lockerung des staatlichen Geldmonopols. Die folgenden Texte sollen Gedanken vermitteln, was für Arbeiten wir unterstützen. Im Booklet "Sunflower Forschung" sind alle Texte zusammengefasst. 

 

Letzte Änderung:05/10/2019

Entstehung des modernen Geldes

„Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff es denn“, befiehlt der Kaiser dem Mephisto in Goethes Faust II. Er ahnt ja nicht, welche Geister er damit ruft! Mephisto schreitet zur Tat und wirft im wahren Sinn des Wortes die Gelddruckmaschine an. Doch die Deckung seines neuen Papiergeldes besitzt eine enorme Sprengkraft: Bislang trug das Gold, aus dem die Münzen geprägt wurden, den Materialwert in sich. Jetzt stehen hinter den Scheinen als „gewisses Pfand“ alle noch ungehobenen und somit nur angenommenen Bodenschätze, auf die der Kaiser vorsorglich Anspruch erhebt. Der Herrscher selbst hält dies für Schwindel und wundert sich ganz offen, dass das Papiergeld überhaupt jemand akzeptiert. Doch sein gedrucktes Wort gilt und die Geldnöte des Reiches scheinen gebannt. Uns Aufgeklärten ist natürlich klar: Auf Dauer kann das nicht gutgehen. Und in der Tat, wenig später betreten die drei Gewaltigen die Bühne: Raufebold, Habebald und Haltefest, Sinnbilder für Gewalt, Gier und Geiz.

Soweit die Literatur. In der Geschichte wurde Geld natürlich nicht einfach herbeigezaubert. Doch mit einem Aspekt lag Goethe gar nicht so falsch: In der frühen Neuzeit, etwa um 1600, ist tatsächlich das entstanden, was wir heute unter Geld verstehen.

Im Mittelalter und allen vormodernen Gesellschaften – etwa im antiken Griechenland, in Rom und bei den Kelten – waren die Zahlungsmittel zwar Teil der Wirtschaft, aber sie waren eben nur ein Teil. Ihnen fehlte der allumfassende Charakter, den sie in der Neuzeit einnahmen. Damals diente die Wirtschaft der Bereitstellung aller notwendigen Dinge, neben dem Kauf durch Geld tauschten die Menschen auch und produzierten vor allem möglichst viel selbst.

Die moderne Wirtschaft hingegen kann nicht mehr genug Geld haben, wie schon der Kaiser im Faust klagt. In unseren modernen Gesellschaften definiert Geld nämlich den Wert von allem und ist einziger Faktor, über den die allgemeine Versorgung funktioniert. Wer kein Geld besitzt, ist faktisch von der gesellschaftlichen Teilhabe und in letzter Konsequenz dem Überleben ausgeschlossen. Das Geld fing an, sich aus sich heraus zu vermehren, als Kapital, das sich bisweilen unerklärlich und vermeintlich magisch reproduziert.

Seit vierzig Jahren forscht der Schweizer Soziologe Aldo Haesler zu diesem Thema. Er hat bereits mehrere Monographien vorgelegt mit anregenden Ansätzen, die es sich zu verfolgen und zu vertiefen lohnt. Auch der Sprach- und Literaturwissenschaftler Eske Bockelmann hat ein Fenster aufgestoßen, das uns einen ganz anderen Blick auf die Thematik eröffnet. Er verbindet die Entstehung des heutigen Verständnisses von Takt und Rhythmus mit der veränderten Bedeutung und Rolle des Geldes in der Neuzeit. So selbstverständlich wir den Rhythmus eines Musikstückes mit seinem Takt gleichsetzen, bis 1600 empfanden die Menschen das noch völlig anders!

Dieses Feld ist besonders aktuell und zentral, weil es nicht nur an der Frage kratzt, wie das kapitalistische Wirtschaften entstanden ist. Es ist damit auch Grundlage für andere Fragestellungen, denen die Sunflower Foundation nachgeht: Was macht diese Geldnutzung  mit den Gesellschaften? Ja, mit den Menschen, mit jedem einzelnen von uns?

Faust wird zum Schluss erlöst, denn wie die Engel rufen: „Wer immer strebend sich bemüht, / Den können wir erlösen.“ Doch in welche Richtung sollte dieses Streben bei der Geldwirtschaft gehen? Dies ist noch ein weites Forschungsfeld.

Letzte Änderung:27/09/2019

Geld und Zeit

„Zeit ist Geld!“ So allgegenwärtig dieser Spruch, so falsch ist er. Im Umkehrschluss müsste Geld ja gleich Zeit sein. Nun kann man argumentieren, dass Geld gewissermaßen Zeit ist, die man in Arbeit investiert hat und als Geld ausgezahlt bekommen hat. Jeder Angestellte stellt da so seine eigene Rechnung auf, ob sein Arbeitsgeber die täglich am Arbeitsplatz verbrachte Zeit auch angemessen in Geld umrechnet. Soweit so gut. Aber: Wir können für Geld keine Lebenszeit kaufen und wir können Zeit nicht wie Geld für die Zukunft sparen.

Besser als jede wissenschaftliche Analyse zeigt Michael Endes Buch „Momo“, wie absurd die Vorstellung ist, Zeit anzusparen. Ich arbeite heute mehr und habe dafür morgen mehr Zeit. Natürlich können wir uns so ein Sabbatjahr „ersparen“. Doch wer weiß schon, ob er das Rentenalter, für das er sich vielleicht abschuftet, überhaupt erleben wird. Von dieser zwanghaften Hoffnung der Menschen leben die grauen Herren in „Momo“, die Agenten der „Zeitsparkasse“.

Dies alles ist nur möglich, weil Geld heute unsere gesamte Wirtschaft und das gesellschaftliche Leben formt. Das war aber nicht immer so. Auch die Vorstellung, Rhythmus werde ausschließlich durch den Takt vorgegeben, erscheint uns heute völlig natürlich. Darüber müssen wir gar nicht mehr nachdenken. Doch der Literaturwissenschaftler Eske Bockelmann konnte zeigen, dass diese Dominanz des Taktes in derselben Epoche entstand wie unser „modernes“ Geld, nämlich erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts.

Die Frage, welche Rolle wir dem Geld in unserer Welt zuweisen, lässt sich nicht lösen von der Frage, wie wir Zeit begreifen. Seit Einstein wissen wir, dass Zeit nicht absolut ist. Zeit ist relativ. Und haben wir erst den Absolutheitsanspruch an die Zeit aufgegeben, können wir auch entspannter mit anderen Zeitvorstellungen umgehen. Wieso muss Zeit „verfließen“? Das tut sie nur, solange wir sie als linearen Strom begreifen. Zyklische Vorstellungen, wie sie in Asien und bei vielen sogenannten Naturvölkern vorherrschen, denken in immer wiederkehrenden Kategorien: Ist ein Frühling vergangen, wird ein anderer kommen. Ist die Sonne untergegangen, wird sie wieder aufgehen. Die moderne Geldwirtschaft hat uns mit ihrem Optimierungs- und Wachstumswahn immer weiter von diesen Vorstellungen entfernt, die letztlich an unsere natürliche Umgebung gebunden sind.

Nicht ohne Grund sind Achtsamkeit und Entschleunigung, Stressreduktion und Meditation im Mainstreambewusstsein angelangt. Die moderne Welt passt nicht wirklich zu dem Menschen, wie er sich evolutiv entwickelt hat. Ein afrikanisches Sprichwort lautet: „Europäer haben Uhren, Afrikaner haben Zeit.“ Wenn wir die Rolex gegen Gelassenheit austauschen, merken wir, dass Zeit und Geld keine beliebig austauschbaren Güter sind. Zeit hat man nicht, man nimmt sie sich. Doch die Voraussetzung dafür, sich Zeit nehmen zu können, liegt in unserer Vorstellung von Geld und Wirtschaft.

Letzte Änderung:27/09/2019

Eigentumsvorstellungen

„Besitzen Sie noch, oder teilen Sie schon?“ könnte man in Anlehnung an den bekannten Werbespruch eines schwedischen Möbelhauses fragen. Zumindest in der Generation der Untervierzigjährigen ist Teilen das neue Haben: Carsharing, Musikstreaming, gemeinschaftliches Nutzen von Geräten. Möglich machen dies die modernen Kommunikationsformen. Start-ups spriessen aus dem Boden und nutzen diesen Lifestyle-Trend auch ökonomisch. An dem Punkt stellt sich die Frage, ob ein gewinnorientiertes Unternehmen wie das Privattaxigeschäft Uber oder das professionelle Übernachtungsangebot AirBnB noch wirklich etwas zu tun haben mit ressourcenschonendem Teilen – obwohl sie gerade das gerne für sich reklamieren. Auch das Streamen von Medienangeboten (Sharing) ist eigentlich etwas anderes: Schliesslich tauschen nicht Privatnutzer CDs oder Schallplatten, sondern jeder Einzelne zahlt für eine Datennutzung.

Allerdings zeigt dies auch: Viele Menschen möchten weniger besitzen, Minimalismus ist angesagt, es geht nur noch um Nutzungsmöglichkeiten. Eine Studie der Wirtschaftsprüfergesellschaft Deloitte von 2015 prognostizierte, dass 55 Prozent der Schweizer im Jahr 2016 Angebote der Sharing Economy nutzen wollten. Ist also das Ende des Privateigentums gekommen, wie die Wirtschafts-Onlinezeitschrift Wallstreet Online provokant fragte? Der US-amerikanische Ökonom und Soziologe Jeremy Rifkin beispielsweise glaubt, dass kollaborative Gemeingüter in den nächsten Jahrzehnten einen Boom erleben werden und der Kapitalismus bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts seine dominante Rolle verlieren wird.

Wie begreifen wir Eigentum? Als Ausgangspunkt für Forschungen können wir Eigentum als ein Konzept ansehen, das kulturelle Werte bestimmt, soziale Beziehungen definiert und uns in der Welt verortet. Mithin haben Eigentumsvorstellungen eine zentrale Bedeutung für unser Leben und unsere Wirtschaftsordnung. Gleichzeitig sind sie nicht universell, sondern kulturell abhängig. Unsere vermeintlich selbstverständliche Idee des Privatbesitzes ist keineswegs alternativlos, nicht einmal in unserer eigenen Kultur. Nehmen wir das Beispiel von Grund und Boden.

In der jüdisch-christlichen Tradition spricht Gott: „Grund und Boden darf nicht für immer verkauft werden, denn das Land ist mein, und ihr seid Fremdlinge und Beisassen bei mir.“ (Lev. 25.23) Im Anschluss folgen genaue Regeln für die praktische Anwendung im alltäglichen Leben. Land ist nur zur Nutzung von Gott gegeben, aber kein menschliches Eigentum, über das er willkürlich und uneingeschränkt verfügen könnte.

Überall auf der Welt gibt es bis heute ähnliche Vorstellungen. Kleinbauern bebauen und nutzen in zahlreichen Gegenden ihr Land gemeinsam. Für sie steht die „Lebensdienlichkeit“ im Vordergrund. Tagtäglich kommt es daher zu Konflikten, wenn grosse Konzerne oder gar Staaten von diesen Kleinbauern oder anderen Gemeinschaften Land aufkaufen, die Menschen vertreiben und ihnen so die Möglichkeit nehmen, weiterhin in ihrem am Gemeinwohl orientierten Lebensstil zu existieren.

Diese Fälle bieten ein grosses Potenzial für Forscher, unsere Eigentumsvorstellungen zu hinterfragen und mit anderen Lebensmodellen abzugleichen, die daraus entstehenden Konflikte zu analysieren und zu beobachten, welchen Einfluss die Globalisierung auf unser Leben hat. Wird das Konzept der Sharing Economy unseren Umgang mit traditionell lebenden Gesellschaften verändern? Oder bleiben die grossen Global Players immun gegenüber solchen vermeintlich alternativ-linken Ideen?

Letzte Änderung:27/09/2019

Geld und Gesellschaft

Wenige Wochen nach seiner Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika im jahr 1928 stellte Herbert Hoover sein komplett neues Wirtschaftskonzept vor: Der Staat sollte durch Ausgaben gezielt die Nachfrage anregen und so allgemeinen Wohlstand herbeiführen. Wer meint, Literatur habe keinen Einfluss auf unser Leben, den belehrt dieser Fall eines Besseren. Denn angeregt wurde Hoovers Programm durch seine Lektüre des nur wenige Monate zuvor veröffentlichten Buches „Der Weg zum Überfluss. Grundlinien für den Wohlstand Aller“. Während einer Bahnreise diskutiert eine Gruppe bunt gemischter Reisender wirtschaftliche Zusammenhänge, und ein kluger Geschäftsmann kommt zu dem Schluss, dass eine Politik wie sie Hoover praktizierte der Gesellschaft von großem Nutzen wäre.

Geld, Gesellschaft und Literatur. Das ist ein weites Feld, schließlich sind Geld und Wirtschaft ein so zentrales Element des menschlichen Lebens, dass sich fast alles darum dreht. Der Wunsch nach mehr Geld ist ein omnipräsentes Thema in Romanen, Erzählungen oder Filmen. Doch anders als wissenschaftliche Abhandlungen können literarische Formen nicht nur zum konkreten Nachdenken über unser Wirtschaftssystem anregen, wie der oben zitierte und zugegeben sehr spezielle Fall zeigt.

Literatur präsentiert sich vor allem als Prisma, in dem der einzelne Mensch in allen seinen Facetten gebrochen wird und seine Handlungen, seine Ängste, seine Triebe und seine Wünsche exemplarisch vor dem Hintergrund des Zeitgeists seiner Umwelt ausgebreitet werden. Betrachten wir den jungen, erfolgreichen Gatsby in Scott Fitzgeralds „Der große Gatsby“: Er lebt in den Roaring Twenties in Saus und Braus in seinem Palast am Meer, wird von Männern wie Frauen angehimmelt und beneidet, steht stets im Mittelpunkt – und treibt gleichzeitig doch in seinem Leben dahin als einsames und unglückliches Wesen, dem wahrer Sinn und Erfüllung fehlen.

Gatsby hatte vermeintlich alles, nämlich Geld. Was sind Menschen bereit für Geld zu tun? Vielleicht eine der faszinierendsten Ausgangsfragen, die zu ethischen Experimenten führt. „Skinvertisement“ sorgte vor einigen Jahren für Aufsehen. Menschen lassen sich dafür bezahlen, durch dauerhafte Tattoos zu wandelnden Werbeträgern zu werden. Noch weiter treibt Dürrenmatt die Frage nach unserer Käuflichkeit in „Der Besuch der alten Dame“: Eine Milliarde bietet eine zurückgekehrte Milliardärin ihrer Heimatstadt an, wenn die Bürger einen der ihren töten.

Das MoneyMuseum präsentiert eine grosse Bibliothek mit ausgewählten Büchern, deren Figuren und Handlungen uns aufzeigen, wie Geld und unsere Wirtschaft auf uns Menschen wirken. Noch immer ist diese Frage bei weitem nicht ausreichend untersucht worden. Literaturwissenschaftlern, Soziologen, Ökonomen und anderen Experten bieten sich viele Möglichkeiten, gemeinsam die Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft und Individuum zu hinterfragen.

Werke der Literatur und des Kinos füllen ethische Theorien mit Leben und überführen sie in unsere Welt. Wenn wir also hinterfragen möchten, wie wir Geld und Wirtschaft in Beziehung mit unserem Alltag setzen, welchen Wert wir Geld beimessen und wie wir die Weichen im Umgang mit Finanzen und Besitz für künftige Generationen stellen wollen, dann führt kein Weg vorbei an der Auseinandersetzung mit künstlerischen Werken. Sie sind der Schlüssel zu einem wirklichen Verständnis des Menschen.

Letzte Änderung:27/09/2019

Geld und Denkform

Unser Denken prägt unser Sein. Wir kennen das alle: „Sieh das doch mal positiv!“ Den Satz hören wir nicht gerne, wenn grad etwas schiefläuft. Aber andererseits hilft es, seine Probleme mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten, gewissermaßen aus sich herauszutreten. Wenn wir mit positiven Gedanken an ein Problem herangehen, werden wir viel leichter eine Lösung finden. Das mag Küchenpsychologie sein, aber im Alltag erweist sich der Ansatz als durchaus nützlich.

Die Kognitionswissenschaftlerin Lera Boroditsky ist der Auffassung, dass linguistische Konzepte, also mit welcher Sprache wir aufgewachsen sind und wie wir sprechen (und natürlich denken), unsere Art der Wahrnehmung prägen oder sogar determinieren. Dieser Ansatz ist mittlerweile bekannt als Linguistische Relativitätstheorie. Boroditsky fiel einmal auf, dass ein fünfjähriges Aborigines-Mädchen auf die Frage, wo Norden sei, instinktiv in die richtige Richtung wies. Nirgendwo sonst konnten Menschen das tun. Nach Boroditsky zeigt sich daran der Zusammenhang von sprachlicher Prägung und Sozialisation mit unserer Wahrnehmungs- und Handlungskompetenz.

„Der Maier denkt immer nur ans Geld.“ Kein ungewöhnlicher Satz in unserer Gesellschaft. Aber was meinen wir damit? Und was sagt das über uns alle aus? Zum einen meint dieser Satz etwas völlig anderes als „Der Maier denkt immer nur an Äpfel.“ Denn damit wollen wir ausdrücken, dass unser fiktiver Herr Maier tatsächlich an konkrete Äpfel denkt, die er vielleicht gerne isst. Wenn Maier aber „nur ans Geld denkt“, dann denkt er nicht an bestimmte Geldscheine oder Scheckhefte. Maier denkt in Geldkategorien, er richtet sein Tun stets nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus und fragt: „Bringt es mir etwas ein, der alten Dame über die Straße zu helfen?“

Ein solches Preisschild heften wir an alles – an Dinge, Handlungen, ja sogar an Menschen. Doch noch weiter reicht das, was der Philologe und Linguist Eske Bockelmann mit dem Begriff „Denkform“ zu fassen versucht: Geld prägt unser Handeln nicht nur im engen Sinn ökonomisch, sondern auch auf Gebieten, die gar nichts mit Geld zu tun haben. Geld ist nichts anderes als ein umrechenbarer Wert. Franken in Dollar umzurechnen oder eine bestimmte Arbeitsleistung in einen Stundenlohn, mag noch gehen. Doch dieses Umrechnen übertragen wir auf nichtmessbare Werte: Eine Versicherung berechnet einen Brandschaden in Geld. Doch wie lässt sich das verlorene Familienalbum aufrechnen? Der selbstgestrickte Pullover?

Wie fühlen Sie sich heute (auf einer Skala von 1 bis 10)? Da müssen Sie wohl einen Mittelwert bilden für all die einzelnen Emotionen, die sich eigentlich gar nicht miteinander verrechnen lassen – und Sie weisen Ihren Gefühlen überhaupt vergleichbare Werte zu. Diese „bewertende“ und vergleichende Denkform legt sich wie ein feines, klebriges Spinnennetz über unser Leben und unser Denken.

Und damit sind wir wieder am Ausgangspunkt. Unser Denken prägt unser Sein. Wir alle denken notgedrungen immer wieder an Geld. Schließlich müssen wir überleben. Aber seien wir ehrlich: Ein wenig von Herrn Maier steckt doch in uns allen. Immer wieder denken wir in dieser Kategorie des „Was habe ich davon?“. Und an dem Punkt müssen wir weiterforschen! Was macht das Geld als Denkform mit uns allen? Mit unserer Gesellschaft und mit jedem Einzelnen?

Letzte Änderung:27/09/2019

Über Geld hinaus

Sie heißen EulachTaler in der Schweiz, Chiemgauer in Deutschland oder Blaufrank in Österreich. Gemeint ist das Regiogeld, ein komplementäres Bezahlsystem, das neben der offiziellen Landeswährung besteht und abgekoppelt ist von den großen nationalen und internationalen Geldströmen. Doch die beschauliche Idylle trügt. Auch das Regiogeld ist in seinem Wert meist an das offizielle Landesgeld gekoppelt. Was tun, wenn die Landeswährung kriselt, wenn es zu einer Inflation kommt?

Es gibt viele Versuche, alternativ zu bezahlen, zu wirtschaften, zu handeln. Man kann dem Geld seine Mängel austreiben, „gutes Geld“schaffen, etwa so wie beim Gemüse: regional, saisonal, bio, fair trade. Aber geht das wirklich? Bleibt Geld nicht immer Geld.

Etwas weiter gehen die sogenannten Tauschkreise oder Tauschringe. Dort ist die Währung Zeit. Denn Lebenszeit ist für alle gleich. Ob ich eine Stunde lang die Wohnung putze oder eine Stunde lang an meinem Forschungsprojekt arbeite, jeweils ist eine Stunde Lebenszeit vergangen, „investiert“ worden. Aber kann eine so komplexe Wirtschaft wie unsere heutige auf Zeittausch basieren?

Vielleicht würden ein paar Reformen reichen? Seit Jahren geistert der Begriff „Finanztransaktionssteuer“ immer wieder als vermeintliches Allheilmittel durch die Medien, aber auch Eingriffe beim Zinssystem sind denkbar. Doch akzeptiert das „Geldsystem“ solche Eingriffe? Schließlich widersprechen sie dem inneren Antrieb des Geldes im modernen Kapitalismus, sich zu vermehren, optimiert zu werden, mehr Leistung zu erzeugen …

Was sind praktikable Alternativen zu den Problemen des Kapitalismus, wie wir ihn kennen? Diese Frage treibt uns um und wir möchten weitere Ideen untersuchen, Forschungen unterstützen, alte Konzepte zusammenführen und neue Konzepte entwickeln.

Ein alternatives Feld besteht darin, unser Wirtschaften vom individuellen Gewinnstreben zu lösen und zurückzukehren zu einem traditionellen Wirtschaftsverständnis, nämlich dem des Gemeinwohls oder des gemeinsamen Arbeitens. Früher besaßen auch bei uns in Europa die Gemeinwesen Grund und Boden, der allen gehörte und der gemeinsam genutzt wurde, die Allmende. Heute kennen wir so etwas wie die Informationen und Bilddatenbank von Wikipedia, die unter einer Commons-Lizenz veröffentlicht werden. Commoning und Share Economy sind zentrale Schlagworte in diesem Zusammenhang: Objekte oder Dienste werden nicht mehr von jedem Einzelnen gekauft, sondern gemeinschaftlich genutzt.

Wir müssen uns fragen: Ist ein Wirtschaften, das das Wohl aller Menschen verbessert, überhaupt mit Geld zu denken? Oder führen die Vorzüge des Geldes nicht sofort dazu, dass es sich nicht unterordnet, sondern ein Wirtschaftssystem komplett beherrscht?

Führt ein radikaler Ansatz zu einer praktikablen Alternative? Oder die Kombination mehrerer weniger harter Ideen? Eines ist klar: Wir müssen unser System weiter hinterfragen – und auch die Alternativen.

Letzte Änderung:27/09/2019

Anwendungen mit Blockchain

Egal ob Sie bar bezahlen oder Ihr Gehalt überwiesen bekommen – hinter all diesen Transaktionen steht eine nationale Währung. Ihr Land garantiert dafür, dass Sie am Ende Ihren Geldschein aus dem Automaten ziehen können. Ganz anders kommt Bitcoin daher. Die Kryptowährung ist seit Jahren in aller Munde: Computer generieren durch das Abarbeiten von Rechenaufgaben Werte, die für Transaktionen verwendet werden. Das klingt sehr kompliziert und das ist es auch. Als Laie muss man sich vorstellen, dass es immer schwieriger wird, die passenden Rechenaufgaben zu finden, so dass der Gesamtwert langsamer steigt und die einzelne Einheit (Bitcoin) rarer wird und somit an Wert gewinnt. Bitcoins entfernen sich daher von wertstabilen Währungen und nähern sich eher spekulativen Aktien an. Kein empfehlenswerter Währungsersatz. Aus gutem Grund akzeptieren verschwindend wenige Geschäfte Bitcoins als Zahlungsmittel.

Doch bei dieser Kritik verstellen wir uns den Blick auf das eigentlich Revolutionäre, nämlich die Technik, die im Hintergrund des Phänomens Bitcoin werkelt. In den 1990er Jahren entwickelten Sicherheitsexperten ein Verfahren, bei dem Datensätze miteinander verknüpft werden und sich so gegenseitig absichern. Denn sobald Sie einen Datensatz manipulieren, verändert das auch den Wert des vorherigen und damit den kompletten Datenbestand – und der Eingriff fliegt auf. Man kann sich diesen Datensatz als eine Kette von Datenblöcken vorstellen, daher der Name dieser Technik: Blockchain.

Machen wir einen Sprung ins Jahr 1941: Die Zuse Z3, der erste funktionsfähige Digitalrechner, füllt einen ganzen Raum und kann doch nur rechnen. Dieser schwerfällige Dinosaurier unter den Computern lässt sich kaum mit einem aktuellen Macbook Air vergleichen. Und dennoch, so sehr sich die DNA der beiden unterscheidet, ihre Grundbausteine sind dieselben: alles basiert auf Nullen und Einsen. Diese Technik hat die Welt revolutioniert, nicht das einzelne Gerät.

Auch Bitcoins werden wohl nicht den Schweizer Franken oder den Dollar ablösen, vielleicht spricht in ein paar Jahren niemand mehr davon. Wer erinnert sich noch an all die sozialen Netzwerke, die in den letzten fünfzehn Jahren gegründet wurden und mittlerweile tot sind? Aber wer kann sich heute ein Leben ohne soziale Netzwerke noch vorstellen? Unser Leben wurde davon komplett überrollt!

Bitcoin mag also sterben, die Blockchain ist eine Technik, die universell nutzbar ist. Diese Kryptotechnik verspricht einen hohen Sicherheitsstandard für dezentral organisierte Transaktionen. Warum der Zentralbank eines bestimmten Landes vertrauen, wenn die Banker dort politisch motivierte Vorgaben umsetzen müssen? Und natürlich sind auch die Profis in Nadelstreifen weder unfehlbar noch unbestechlich. Ganz anders käme eine Währung daher, die von zahllosen Individuen überall auf der Welt organisiert wird. Darüber hinaus verzeichnen die Blockchain-Register unerbittlich jede Änderung an der Blockchain und jeder kann sie einsehen. Diese Transparenz kennen wir sonst nur von Open-Source-Software oder gemeinschaftlichen Organisationen, nicht von traditionell eher zugeknöpften Zentralbankern. Und diese Transparenz schafft Vertrauen und Sicherheit. In unserer globalisierten Welt mit all ihren Herausforderungen suchen die Menschen genau das. Blockchain könnte eine Tür aufstossen in eine neue Welt vertrauensvoller Transaktionen in zahllosen Bereichen. Vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren, aber das möchten wir erforschen und diskutieren, gemeinschaftlich und offen.

Letzte Änderung:27/09/2019

Wie gehen wir mit Risiken um?

„Augen auf!“ sagen wir, wenn es gilt, genau hinzusehen. Doch unser wichtigstes Wahrnehmungsorgan im Alltag ist anfällig für optische Täuschungen aller Art. Was hat das mit Geld zu tun? Ganz einfach: Wenn wir in unserer Bank durch eine Hochglanzbroschüre blättern und die ansprechenden Grafiken überfliegen, bei denen die Gewinnlinien stets nach oben gehen, dann sollten wir uns daran erinnern, dass dies ein geschickter Manipulationsversuch ist, ein Köder für unsere optische Wahrnehmung. Auch der Berater, der uns versichert, seine hoch verzinsten Produkte seien „praktisch risikofrei“, tritt uns nicht ohne Grund oft in feinstem italienischem Zwirn gegenüber.

Solche Ansätze zielen darauf ab, dass wir – zum Vorteil anderer – Risiken eingehen, die nicht zu uns passen und die wir nicht richtig einschätzen können. Und dabei ist ein Großteil unserer Vermögen im Finanzmarkt angelegt. Zwei miteinander verknüpfte Faktoren erscheinen uns im Rahmen unserer Geldforschung daher zentral: Erstens das Thema „Risiken“ und zweitens „Financial Literacy“.

Führen wir uns vor Augen, wie das Vermitteln von Anlageprodukten funktioniert: Ein Berater analysiert, welche Summen wir anlegen möchten, berücksichtigt verschiedene Faktoren wie unsere Risikobereitschaft oder die geplante Anlagedauer und schnürt uns ein Paket zurecht. All das geschieht vor dem Hintergrund seiner beruflichen Erfahrung. Die Situation ähnelt derjenigen eines Arztbesuchs. Der Halbgott in Weiß, der uns gegenübersitzt, fragt nach Symptomen und präsentiert uns seine Diagnose inklusive Behandlungsplan – falls er uns nicht an einen Spezialisten überweist. Widerspruch ist unerwünscht und bleibt in der Regel auch aus. In beiden Fällen sitzen die Konsultierenden meist schicksalsergeben am Tisch und nicken die Entscheidungen ab. Dabei müssen wir uns klarmachen: Die Diagnose bzw. Risikoanalyse beruht auf dem Erfahrungshorizont des Arztes bzw. Anlageberaters.

Unsere Aufgabe ist es, die Ergebnisse kritisch zu hinterfragen. Es geht schließlich um zentrale Themen in unserem Leben: unsere Gesundheit und unseren finanziellen Handlungsspielraum. Doch dazu müssen wir über ein entsprechendes Wissen verfügen. In der Medizin empfiehlt es sich meist nicht, aufgrund einer Internetrecherche dem Arzt zu widersprechen. Sicherer ist es, bei anderen Fachärzten eine Zweit- oder Drittmeinung einzuholen. Anders bei den Finanzen. Es gibt mittlerweile Möglichkeiten, im Internet fundierte Informationen einzuholen. Nie war es so einfach, sich ein solides Finanzgrundwissen zu erarbeiten wie heute. Im Englischen wurde für dieses Wissen und den selbstbestimmten Umgang mit der Finanzwelt der Begriff der „Financial Literacy“ geprägt. Und diese ist unabdingbar, wenn wir beurteilen wollen, ob ein bestimmtes Produkt zu uns und unserer Risikobereitschaft passt. Nur so können wir Angebote auf ihre Plausibilität und Seriosität hinterfragen. Wenn wir nicht auf dem Hochglanzparkett der Marketingverführer ausrutschen wollen, dann müssen wir uns selbst zu „geldmächtigen“ Menschen erziehen.

Sunflower möchte daher mit Menschen zusammenarbeiten, die uns allen dabei helfen, „geldmächtig“ zu werden. Darunter verstehen wir die Fähigkeit jedes Einzelnen, in seinem eigenen Leben zwei Dinge in Einklang miteinander zu bringen: unser Geld und unsere Risikobereitschaft. Wer die Instrumente der Geldanlagen kennt, kann sie zu seinem Vorteil nutzen – und im besten Fall auch zum Vorteil der ganzen Gesellschaft. Wenn er vor diesem Hintergrund seinen eigenen Charakter gut einschätzen kann, dann wird er auch die zu ihm passende Anlagestrategie finden. Und statt auf den elegant gekleideten Berater wirft er regelmäßig einen Blick auf seine Depotinformationen.

weiterer Link:


Prof. L. Bachmann über Umgang mit Risiken in der Medizin (video)

 

Letzte Änderung:26/09/2019

Booklet Sunflower Forschung

Letzte Änderung:27/09/2019

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Eske Bockelmann

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Eske Bockelmann ist ein deutscher Germanist, der 2004 ein bedeutendes Buch über den Zusammenhang zwischen Geld und Moderne geschrieben hat, Im Takt des Geldes. Er ist Hochschuldozent für Latein in Chemnitz und Privatdozent für neue deutsche Literaturwissenschaft. Mit dem Buch Im Takt des Geldes hat er eine eigenständige Geldtheorie entwickelt, die sich der Frage widmet, unter welchen Umständen und mit welchen Konsequenzen das moderne Medium Geld abgeschafft werden könnte. Siehe Videoportrait von Oliver Sachs und Lisa Oehler unten. 

Booklet und Video: Im Takt des Geldes. Im 16. Jahrhundert durchlebt die europäische Welt einen gewaltigen Wandel: War sie bis anhin vor allem rural geprägt, gewinnen jetzt Städte an Bedeutung. Lebhafte Märkte entstehen und schliessen sich zum ersten Mal in der Geschichte zu einem einzigen, länderübergreifenden Markt zusammen. Es ist die Geburt der Marktwirtschaft ... mit enormen Konsequenzen.  Booklet zum Download.

Video: Geld als Denkform - Verstehen, was Geld mit uns macht.  «Geld als Denkform» – was ist das? Nun, das lässt sich sehr knapp sagen: Es ist seltsamerweise der Schlüssel, um zu verstehen, was das Geld mit uns macht – und was es mit der Welt macht.

"Was ist Geld?". Text-Booklet der 21 Video-Vorträge von Eske Bockelmann. Jeder Mensch braucht einen Raster, um neue Informationen einzugliedern. Dieses Booklet bietet eine Orientierungshilfe über Geld, die für den Leser eine Stütze sein kann, Informationen und Meinungen einzuordnen. Denn alles scheint im Fluss zu sein mit Geld, mit den gängigen Vorstellungen. Anstatt Angst vor Veränderung zu schüren soll ein breites Panoptikum die Sicht auf Neues öffnen, im Hinblick auf Geld. 

Eske Bockelmann: Abschaffung des Geldes

Eine geldlose Welt: Wäre sie überhaupt möglich? Würden wir sie ermöglichen? Das ist und bleibt die Gretchenfrage. Hier wird sie gestellt und beantwortet: wir können uns eine Welt ohne Geld nicht mehr vorstellen. Weshalb, erfahren Sie in dieser Broschüre. 

„Geld regiert die Welt“, so lautet eine ebenso geläufige wie zahnlose Klage. Doch wie sehr das Geld tatsächlich die Welt, uns und unser Bewusstsein regiert, zeigt sich daran, dass wir uns die Zeiten, die noch kein Geld kannten, kaum mehr vorstellen können – schon seit 5000 Jahren und länger, so liest man in den Texten selbst kritischer Wissenschaftler, würde das Geld herrschen.

In seiner grandiosen Schilderung, wie das Geld in die Welt kam, zeigt Eske Bockelmann, dass sich dieses besondere Tauschmittel erst im Europa des Hochmittelalters durchgesetzt hat, mag es davor auch Märkte, Münzen und Tauschverkehr gegeben haben. Mit einem ungewöhnlich genauen Blick auf die Geschichte und Ethnologie des Wirtschaftens arbeitet er die Unterschiede zu vormonetären Gemeinwesen und ihrem sozialen Zusammenhalt ohne Geld heraus und beleuchtet die Etablierung der Marktwirtschaft in den freien Städten des späteren Mittelalters bis hin zum Platzen der ersten Finanzblase. Und mit dieser Herleitung des Geldes gelingt es endlich, auch ein scheinbar ewiges Rätsel zu lösen: was Geld überhaupt ist – und wie es zusammenhängt mit Wert und Kapital, Spekulation und Krise, Staat und Gesellschaft.

Seine glänzend geschriebene Untersuchung ist revolutionär, noch über Marx hinaus: Gerade indem sie uns ein neues, tieferes Verständnis der Zwänge und der Allmacht des Geldes verschafft, eröffnet sie uns eine Perspektive auf eine zukünftige Welt, in der das Geld der Vergangenheit angehören könnte.

Öffentliche Ausgabe 2020 bei Mathes & Seitz, Berlin

Einige Gedanken zu Geld von Eske Bockelmann: 

Geld ist ein Rätsel.

Was es ist, weiss keiner. Wie man damit umgeht, dasmuss man wissen. Nur mit Geld kommt man zu all dem, wovon man leben kann und leben will. Die Frage, was Geld ist, taucht nicht auf und kann nicht auftauchen. Denn was Geld ist und wie es funktioniert, das ist niemals fraglich, sondern immer schon vorausgesetzt.

Und doch entscheidet dieses unbekannte Wesen über Wohl und Wehe dieser Welt. Wenn Menschen heute in grosser Zahl unter schrecklichen Verhältnissen leben, liegt es am Geld, das fehlt, um das zu ändern. Das Buch von Eske Bockelmann wird aufzeigen, was Geld ist, was es auf sich hat mit dem System des Geldes.

Das kleine ABC vom Geld - oder drei bekannte Irrtümer

Auf den ersten Blick ist alles klar am Geld. Geld ist für uns etwas Alltägliches, etwas Selbstverständliches und ist insofern ohne jedes Geheimnis. Aber die Klarheit täuscht. Es sind nicht mehr als drei grosse Glaubenssätze, in denen sich das selbstverständlich-allgemeine Wissen übers Geld zusammenfasst. 

1. ... wenn Zweie tauschen

Anfang und Sinn des Geldes können nur in einem höchst vernünftigen Gedanken liegen: in dem Gedanken, den Tausch von Dingen leichter, besser und einträglicher zu gestalten, als er es ohne Geld wäre. Wenn ein Apfelbauer, der ein Haus gebaut haben will, erst einen Baumeister finden müsste, der gerade jetzt Äpfel braucht und ausserdem noch genau so viele, wie sie dem Wert des Hauses entsprechen, damit der Apfelbauer die Äpfel dem Baumeister direkt gegen das Haus tauschen könnte, dann wäre das sehr kompliziert. Also sind Menschen wie unser Apfelbauer auf die Idee gekommen, das, was sie wegzutauschen haben, immer erst gegen ein eigenes, spezielles Tauschmittel einzutauschen. 

Und wann kam es zu dieser Idee? Egal - jedenfalls, vermuten wir, sehr früh. Also sind wir sicher, dass schon der Neadertaler tüchtig am Tauschen war und damit auch schon auf dem besten Weg zum Geld. Denn der Tausch zwischen Menschen führt einfach früher oder später zu dem, was wir heute so gut kennen: eine Gesellschaft, in der lauter Individuen mit ihrem Eigentum Tauschhandel betreiben und jeder erfolgreicher sein will als der andere. 

Nein - historisch hat es niemals und nirgendwo eine Gesellschaft gegeben, in der die Einzelnen in einer solchen Weise untereinander Handel mit ihrem Privateigentum getrieben hätten und nicht schon mit Geld umgegangen wären. Eine so geartete Gesellschaft gibt es nicht ohne Geld. In diesem Tausch-Szenario kann Geld gar nicht mehr entstehen, weil es nicht mehr zu entstehen braucht - es ist darin längst vorausgesetzt. 

Empörte Frage: Und wie soll das gegangen sein, wenn die Menschen nicht getauscht haben? Einfache Antwort: indem es - auch mit dem Tauschen - ganz anders zugegangen ist. 

Geld wird erklärt aus dem, was Geld heute leistet - nur ohne Geld. Was es aber leistet, Tauschhandel gesellschaftsweit, hat es ohne Geld ganz einfach nicht gegeben. Denn alles, was es leistet, formt das Geld zu etwas, das es vorher so nicht gab. Wenn wir uns Sinn des Geldes daraus erklären, was heute gilt, erklären wir das Ende zu seinem Anfang. Und damit verfehlen wir beides, nicht nur den Anfang, wir verkennen auch das Ende.

2. ... Geld versorgt die Welt

Brot für die Welt - das ist der Name einer modernen Organisation. Um die Hungersnot zu lindern, sammelt die Organisation Spenden. Natürlich spendet da niemand Brot. Man spendet Geld für die Welt. Und mit diesem Welt wird erst jenes Brot gekauft, das hoffentlich den Hunger stillt: ein kleiner Umweg, sinnreich, ganz gewiss - und doch womöglich folgenreich.

Es mangelt nicht am Brot für diese Welt. Alles Getreide, Tatkraft, Wasserbüffel, alles, was die Menschen brauchen für ihr täglich Brot, das gibt es auf der Welt, es ist da, es muss nur noch gekauft und bezahlt werden, dann kann es Hunger stillen. Weshalb muss dann jemand hungern? Weil erst Geld die Welt mit Brot versorgt; weil Geld das grosse Lebensmittel ist, das erst von sich aus auch für alle andern sorgt. Kein Geld, kein Brot - auf dieser Welt.

Daraus ziehen wir eine simple Schlussfolgerung: es bräuchte nur mehr Geld zu geben - dann müsste niemand hungern. Und das ist doch ganz entsetzlich falsch. Nein, nicht zu wenig, seltsamerweise gibt es gar zu viel des Geldes. Zu viel davon ist unterwegs, denn das bemisst sich nicht am Hunger, bemisst sich nicht an der Menge von Lebensmitteln, die davon anzuschaffen wären, sondern bemisst sich ganz allein am Geld selbst. 

Geld verschafft nicht nur die Lebensmittel: zuvorderst schliesst es jeden, der nicht zahlen kann, von ihnen aus. Ganz einfach und zwingend: die Lebensmittel gibt es nur für die, die sie kaufen. Es ist die erste und wichtigste Voraussetzung, die mit dem Geld gemacht ist, die erste und wichtigste Voraussetzung, unter der das Geld (so wie wir es kennen) funktioniert: es funktioniert als Schranke. Geld schliesst aus von dem, was Geld verschafft: damit es Geld ist, was dann alles das verschaffen kann, wovon man ohne Geld ausgeschlossen bleibt. Zum Füllhorn wird das Geld dank dieser Schranke, diesem Ausschluss, dank dem Mangel.

3. ... Geld ist der Wert der Dinge

Chemie ist die Wissenschaft von den Eigenschaften, der Zusammensetzung und Umwandlung von Substanzen. Eine Chemie des Geldes müsste es geben, wenn es zutrifft, dass es der Wert der Dinge sei, den man mit Geld bezahlt. Im Alltag macht es nicht die geringste Schwierigkeit, dass ein Ding seinen Wert hat und Geld seinen Wert hat. Sobald es jedoch um die Erklärung geht, wie sich Wert in beiden findet und worin die Verbindung zwischen Wert hier und Wert dort besteht, streiten die hellsten Köpfe. Heute wird  selbstverständlich vorausgesetzt, das etwas etwas kostet. Der Wert ist demnach zweifach da: als der, der da bezahlt sein will, und der, mit dem wir zahlen. 

Man sagt: Geld ist der Wert der Dinge. Wenn Dinge etwas kosten, dann deshalb, weil sie etwas wert sind und daher dieses etwas kosten müssen. Es scheint völlig klar - und ist doch blanker Unsinn.

Die Dinge und ihr Wert: wir zahlen ihn für sie, so sieht es aus. Und dennoch ist, was wir für sie bezahlen, nicht ihr Wert - sondern es ist Geld. Wir bezahlen zwar Geld für, doch niemals an Dinge. Es ist nicht das Brot, an das die Überweisung geht. An Dinge, Tiere, Tätigkeiten kann man den Geldwert, den sie kosten, gar nicht geben. Er geht nicht an sie und ist auch nicht für sie: er ist nicht ihr Wert. Geld geben und Geld nehmen, das kann niemand ausser Menschen. Der Wert, den wir in Geld für etwas bezahlen, geht grundsätzlich nur den einen Weg: er geht an jemanden. Wenn wir für etwas Geld bezahlen müssen, dann nicht, weil der Wert des Dings, des Tiers, der Pflanze oder einer Handlung es erfordert, sondern immer weil es Menschen fordern. Dass sie es tun, ist keine Schuld und zeugt von keinem schlechten Charakter. So ist es vielmehr eingerichtet, staatlich verordnet, weltweit systematisiert. Wir können nicht anders, wir haben zu zahlen, wir haben zu fordern. Jeder hat dem zu gehorchen. 

Mit Geld verfügen Menschen über Menschen. Diese Macht ist die Substanz des Geldes. Dem Geld ist das nicht anzusehen. Und das liegt daran, dass es dafür mehr braucht als nur Geld - diese Macht ist ihm verliehen. Und sie verkleidet sich als Macht der Dinge. Das ist der Schein, der uns so selbstverständlich trügt: die Dinge selbst würden über die Macht verfügen und uns zwingen, dass wir für jedes etwas zahlen müssen. Würden die Dinge wirklich über diese Macht verfügen und uns dazu zwingen, dann und nur dann träfe es zu, dass es der Wert der Dinge ist, was wir mit Geld bezahlen. 

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Letzte Änderung:31/10/2019

Aldo Haesler

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Aldo  Haesler, Soziologe und Wirtschaftsphilosoph, würdigt Gelddenker von heute und der Vergangenheit in kritischer Weise. 

Videoportrait des Autors Aldo Haesler, ein Film von Oliver Sachs und Lisa Oehler

50 Gelddenker-Portraits, von Aldo Haesler

Das Thema von besonderem Interesse für Aldo Haesler

Portrait Aldo Haesler (1954) – Die Moderne neu erklären

Seit über 40 Jahren befasst sich Aldo Haesler mit dem Thema Geld. Dabei lag der Fokus von Anfang an auf der Analyse von Tauschformen. «Vom Nullsummenspiel zum Positivsummenspiel» und «Dematerialisierung des Geldes» sind weitere Themen. Beide haben eine markante Wirkung auf die Gesellschaft. 2018 ist sein Buch «Hard Modernity» erschienen, in dem er sich mit der Frage befasst, wie die Moderne entstanden ist. Wie kaum ein anderer ist er aufgrund seiner Forschungen befähigt, eine moderne Übersicht über Gelddenker kritisch zu kommentieren.

Ideen und Werke

Tauschformen
Der Ausgang von Aldo Haeslers Forschung liegt in den 70er-Jahren. Die Soziologie sollte sich seiner Meinung nach mit der Geschichte zusammenschliessen. Haesler ist es dabei ein Anliegen, diese Geschichte anders zu schreiben. Der Fokus soll nicht auf die Produktion, sondern auf die Zirkulation und den Tausch gesetzt werden.

Aldo Haesler ist mit dem Credo aufgewachsen, dass alle Probleme technisch lösbar seien. Doch diese Sichtweise griff für ihn bald schon zu kurz. Was ihn interessierte, waren die Ordnung der Gesellschaft und die Beziehung der Menschen. Vom soziologischen Gesichtspunkt aus analysierte er zwei prägende Tauschformen:

  • Der symbolische Tausch dient dem Bilden von sozialen Beziehungen.
  • Der wirtschaftliche Tausch dient dem Austausch von Gütern und der Befriedigung von Interessen.

Die Analyse der Tauschformen, ihr Auftreten in verschiedenen Gesellschaftsformen und ihre Wandlung im Verlauf der Zeit bilden die Grundlage von Haeslers weiteren Forschungen.

Die Entstehung der Moderne
So befasst sich Aldo Haesler seit Jahren mit der Frage, wie die Moderne entstanden und wie sie zu erklären ist. Den Beginn der Moderne ortet er im 17. Jahrhundert. Ein Jahrhundert, in dem eine neue Vorstellung von Freiheit entsteht, in dem sich die Gesellschaft selbst organisiert, in dem der Wirtschaftstausch neu gedacht wird. Bis anhin galt: Der Gewinn des einen ist der Verlust des anderen. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts gilt das nicht mehr: Jetzt soll der Profit des einen auch zum Profit des anderen führen.

Vom Nullsummenspiel zum Positivsummenspiel
Diese mit den Merkantilisten entstehende Veränderung ist fundamental. Aus einer Nullsummen-Gesellschaft soll eine Win-win-Gesellschaft werden. Das Medium, das dieses Positivsummenspiel überhaupt zulässt, ist Geld.

Das Positivsummenspiel hat im Abendland eine kulturelle Revolution ausgelöst. Durch Synergien und ein Zusammenspiel entsteht ein Plus. Bildlich nach Aldo Haesler gesprochen: 1 plus 1 gleich 99. Musik, Kultur, Wissenschaft der Neuzeit sind so entstanden. Das Positivsummenspiel ist sozusagen das Take-off der Moderne.

Die Dematerialisierung des Geldes
Doch das Ganze hat einen beziehungsweise zwei Haken. Einerseits wurde Geld im Zuge des Modernisierungsprozesses quasi frei schöpfbar, und das Spiel hat sich zu einer ungeheuren Dynamik entwickelt. Das Geld hat sich emanzipiert. Es befreit sich von seiner Materialität und von allen Zwängen und Normen. Anderseits benötigt das Positivsummenspiel unbegrenzte Ressourcen – die nicht vorhanden sind. Folgen sind Umweltkrisen und Ausbeutung. Fazit: Wenn A profitiert und B profitiert, verliert C doppelt.

Schwellenzeit 70er-Jahre
Der Bruch liegt nach Aldo Haesler in den 70er-Jahren. In diesem Jahrzehnt ist vieles geschehen: Auflösung des Bretton-Woods-Systems, Aufkommen des Computers, das Ende von Utopien wie der Marx’schen usw. Es ist der Übergang einer Soft Modernity zu einer Hard Modernity, sozusagen einer faustischen Moderne: Der Geist ist aus der Flasche entwichen.

Haesler geht davon aus, dass die Krise 2008 bisher nur das kleine Feuer war. In der drohenden Abschaffung des Bargelds sieht er dramatische Konsequenzen. Es würde unser Denken beeinflussen. Eine universelle Norm ginge verloren, eine Norm der Gegenseitigkeit. Sie nennt sich Do ut des: Ich gebe, damit du gibst. Oder anders ausgedrückt:  Wer Recht möchte, muss bereits sein, Opfer zu bringen.

Vita

Bereits in den 1970er-Jahren hat Aldo Haesler sich in seiner Dissertation mit Tauschformen befasst. An der Universität St. Gallen studierte er Wirtschaftswissenschaften und –soziologie sowie Philosophie. Sein Themenschwerpunkt verlagerte sich ab 1983 hin zur Geldtheorie. Er war Privatdozent an der Universität Lausanne und Direktor des Instituts Montana.  Seit 2001, Zeitpunkt seiner Habilitation, ist Aldo Haesler Professor für Soziologie an der Universität Caen.

Er ist Redaktor des Kompendiums «Kulturen des Geldes» der Sunflower Foundation.

Ausgewählte Werke

Tausch und gesellschaftliche Entwicklung. Zur Prüfung eines liberalen topos. Dissertation Hochschule St. Gallen 1983.

Sociologie de l’échange et postmodernité. Recherche sur les conséquences sociales et culturelles de l’électronisation des flux de paiement. Genf & Paris, Droz 1995.

Das letzte Tabu. Ruchlose Gedanke aus der Intimsphäre des Geldes. Frauenfeld, Stuttgart & Wien, Huber 2011 (20122).

Hard Modernity. La perfection de la modernité capitaliste et ses limites. Paris, Matériologiques, 2018.

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Letzte Änderung:01/11/2019

foraus

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Der Think Tank foraus setzt sich für eine konstruktive Aussenpolitik sowie für einen informierten Dialog ein: unabhängig, wissenschaftlich, relevant. foraus bietet jungen Talenten einen gemeinnützigen Zugang zur Debatte, um ihre Ideen in die Aussenpolitik einzubringen – ausserhalb des traditionellen Rahmens von Parteipolitik. foraus publiziert wissenschaftlich fundierte Handlungsempfehlungen in Form von Diskussionspapieren, Kurzanalysen sowie Blogposts und veranstaltet Debatten mit dem Ziel, innovative Lösungen für die Aussenpolitik zu schaffen.

Website: www.foraus.ch

Sunflower unterstützt foraus im Projekt "sutainable fintech" und bringt sich vor allem mit soziokulturellen Gesichtspunkten ein. 

www.sustainablefintech.ch

Ziele von Sustainable FinTech sind einerseits, die Schweizer Finanzindustrie bei der Erreichung der Klimaziele von Paris (UN-Klimakonferenz 2015) zu unterstützen und andererseits die Umsetzung der Ziele für nachhaltige Entwicklung voranzutreiben. Sustainable FinTech dient als Plattform und Netzwerk, um nachhaltige Richtlinien sowie innovative Dienstleistungen und Produktideen zu erarbeiten, die diese Ziele fördern.


Projektskizze für die Zusammenarbeit zwischen foraus und Sunflower:

Die zwischen der Sunflower Foundation und ​foraus ​ diskutierten Themenfelder “Sustainable FinTech” und “Asien” entwickeln sich derzeit sehr dynamisch. Trotz erhöhter Aufmerksamkeit in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit bestehen gleichzeitig zahlreiche offene Fragen und Herausforderungen, wie folgende Beispiele zeigen:

- FinTech ist für unseren Wirtschaftsstandort zentral. Obschon die Schweiz ideale Voraussetzungen (z.B. ETH, Finanzplatz) dazu mitbringt, bewegt sie sich international höchstens im Mittelfeld.
- Neue Gouvernanz- oder Wirtschaftsinitiativen mit globaler Wirkung (z.B. AIIB, oder BRI) werden zunehmend aus Asien als dem bevölkerungsreichsten Raum der Welt kommen. In der Schweiz bestehen allerdings nur rudimentäre institutionelle Kompetenzen und beschränktes Wissen zu asiatischer Politik.

foraus ​nimmt sich diesen Herausforderungen seit einigen Jahren erfolgreich an. 2017 gründeten Mitglieder von foraus auf Eigeninitiative das Projekt “Sustainable Fintech” und das thematisch ausgerichtete Programm “Asien”:

- Das ​Sustainable FinTech Projekt​ verfolgt das Ziel, frische, bestechende Ideen für den Finanzplatz Schweiz zu formulieren. Es basiert hierzu auf die beiden Pfeiler (technologische) Innovation und Nachhaltigkeit. Seine regelmässig durchgeführten Veranstaltungen tragen das Thema in die Industrie und Öffentlichkeit, bieten einschlägigen Initiativen eine Plattform und helfen Freiwillige zu rekrutieren. Das Projekt ist international gut vernetzt und wird als Expertengremium zu einschlägigen Themen wahrgenommen und konsultiert. Es kann schliesslich greifbare Ergebnisse sowohl auf Policy-Ebene wie auch in der Industrie vorweisen.

- Das ​Programm Asien​ besteht aus einem Kern von 15-20 motivierten AsienkennerInnen mit politischem Interesse (Young Professionals, PhDs, Studierende). Es ist unterteilt in drei Sub-Gruppen (Ost-Asien, Süd-/Südostasien, West- und Zentralasien) und unterhält ausgewählte Partnerschaften (z.B. Stein am Rhein Symposium) und Mitgliedschaften in fachlichen Netzwerken (z.B. European Think-Tank Network on China). Anfang 2019 veröffentlichte das Programm ein Positionspapier für eine konstruktive Schweizer “China-Politik”. Des Weiteren wurde eine Vielzahl von Blogs zu Asien-Themen publiziert.

foraus ​publiziert seit zehn Jahren wissenschaftlich fundierte Handlungsempfehlungen für eine konstruktive Aussenpolitik. Der Erfolg des Think Tanks basiert auf einem einzigartigen Grassroots-Modell mit über 120 Ehrenamtlichen und mehreren hundert Mitgliedern, die sich beispielsweise in den beiden oben erwähnten Initiativen​ ​als AutorInnen von Diskussionspapieren oder Veranstalter öffentlicher Debatten engagieren.

Die vorliegende Projektskizze zeigt auf, wie mit zwei Senior Policy Fellow Stellen und einer Stärkung der ​foraus-​ Freiwilligenstruktur innovative Lösungen in den beiden Bereichen “Sustainable Fintech” und “Asien” für Entscheidungsträger und die Öffentlichkeit lanciert werden können.

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Letzte Änderung:31/10/2019

Fellowships

James Glattfelder

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Information—Consciousness—Reality:

How a New Understanding of the Universe Can Help Answer Age-Old Questions of Existence

by James Glattfelder

This open access book chronicles the rise of a new scientific paradigm offering novel insights into the age-old enigmas of existence. Over 300 years ago, the human mind discovered the machine code of reality: mathematics. By utilizing abstract thought systems, humans began to decode the workings of the cosmos. From this understanding, the current scientific paradigm emerged, ultimately discovering the gift of technology. Today, however, our island of knowledge is surrounded by ever longer shores of ignorance. Science appears to have hit a dead end when confronted with the nature of reality and consciousness. In this fascinating and accessible volume, James Glattfelder explores a radical paradigm shift uncovering the ontology of reality. It is found to be information-theoretic and participatory, yielding a computational and programmable universe.

bei amazon.de kostenlos als kindle-Version

Siehe TEDtalk über James Glattfelders Forschungsarbeit


Portrait von James Glattfelder

Wie hält es einer mit dem Geld, der zwölf Jahre für die Finanzbranche an Hochfrequenz-Tradingsoftware für den Devisenmarkt gearbeitet hat und das Bankensystem kritisiert? James Glattfelders Antwort ist einfach: „Wenn man den Umgang mit Geld nicht übt, verfällt  man ihm und kommt in eine Gier oder in ein Statusdenken hinein.“ Nun, der 46-jährige Glattfelder kann mit Geld umgehen und hat Teilzeit gearbeitet. Er habe einen „normalen Lohn“ bekommen. So normal, dass er noch immer sein inzwischen 16 Jahre altes Auto fährt und  bald seit Jahrzehnten mit seiner Frau in derselben Altbauwohnung in Zürich-Wipkingen lebt. Geld bedeutet für ihn Freiheit. Das heisst Zeit, um der Wirklichkeit auf den Grund zu gehen.

So analysierte er zusammen mit zwei anderen Forschern an der ETH auf Basis der Datensätze aus dem Jahr 2007 multinationale Unternehmen und zeigte, dass es global nur 147 Konzerne sind, die zusammen mehr als 40 Prozent der Umsätze dominieren. Weil die meisten von ihnen aus der Finanzindustrie stammten – UBS und CS waren auch vorne mit dabei - , sorgte Glattfelder mit der Veröffentlichung der Studie 2011 für weltweites Aufsehen. Die damalige Bewegung Occupy Wall Street stützte sich auch auf die Publikation.

Dabei ist Glattfelder Physiker. Er folgt aber nicht der Formel-Physik, sondern forscht an komplexen Systemen, das heisst an Erscheinungen, die sich gerade nicht in Formeln packen lassen. „Der Urknall lässt sich fassen, aber nicht die Komplexitäten eines Vogelschwarms, Ameisenhaufen oder von Autoverkehr.“ Ein komplexes System ergibt sich erst durch das Zusammenspiel der einzelnen Elemente: Ein Vogel, der im Schwarm fliegt, schaut auf seine Nachbarn ringsum und vollzieht deren Aktionen nach, ohne sie zu korrigieren. Aus dieser einfachen Regel bildet sich dann erst das komplexe Schwarmsystem heraus.

Glattfelder hat diese Vogelschwarmintelligenz auf das Finanzsystem angewendet. Er programmierte Handelssysteme, die eben nicht nach den vorgefertigten Formeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung funktionieren sollen. Sondern er ging von einem lebendigen Komplex aus, der quasi atmet und sich selbst stets neu formt. So wie die Physik nimmt Glattfelder auch die Finanzwelt als ein offenes System.

Dabei ist Glattfelder ein Mann, der wie ein Kind wirkt: Nicht wegen seines immer noch jungen Aussehens, sondern weil seine Stimme trotz seines schnellen Sprechens stets etwas Tastendes und Helles hat. Wie bei einem Kind klingt die Lust wie ein wenig auch der Schrecken der Neuentdeckung der Welt mit.

Glattfelder versucht das Finanzsystem neu zu konstruieren. „Denn das alte ist kaputt und die Blockchain bietet eine Riesenmöglichkeit, ein neues, offenes zu bauen.“ Deshalb interessiert ihn die Blockchain so sehr, denn sie ermöglicht es, das Finanzsystem dezentral zu organisieren. „Es gibt keine Zentralbank, keine Banken, keinen Kaiser oder keine Kaiserin mehr“, sagt Glattfelder.

Seit Ende 2018  arbeitet er im Startup flov technologies an der Zürcher Bahnhofstrasse an diesem komplett neuen Bauplan für die Finanzindustrie. „Wie vorher im Devisenhandel mache ich jetzt das gleiche mit Kryptowährungen: Wir arbeiten an einem anpassungsfähigem, dezentralem System.“

Das alte System kennt er zu genüge: Gross geworden ist Glattfelder in der Berg- und Kaviarwelt von St. Moritz.  Seine Familie führt dort ein so traditionsreiches wie wohlbekanntes Delikatessen-Geschäft (spezialisiert auf  „Kaffee, Tee und Caviar“). Diese Art von Reichtum hat ihn jedoch nie gereizt. „Ich habe schon als Kind dort hinter die Kulissen schauen können“, sagt er. Was er aus St Moritz mitgenommen hat, ist aber die Liebe zu den Bergen und auch zum Extremsport. 

Vor allem aber geht es Glattfelder um die Realität. Die tatsächliche. Diese wirkliche Wirklichkeit, jenseits unserer Konzepte,  hat er in seinem im März 2019 erschienenen Werk „Information – Consciousness – Reality“ analysiert. Dort durchbricht er das bisherige Denken und zeigt, dass Information der Stoff ist, aus dem die Realität besteht. Information ist Bewusstsein und wohnt auch den kleinsten Teilchen inne. Sie ist  zugleich auch die Programmierung unserer Realität. Fünf Jahre hat Glattfelder an dem interdisziplinären Buch geschrieben, das Erkenntnisse aus Physik, Philosophie Neurowissenschaften und auch aus der Komplexitätsforschung zusammenbringt. Veröffentlicht hat er sein Werk im Springer Verlag auch als Open Access. „Information und Wissen müssen frei sein“, sagt er. Und ausserdem arbeitet er ja an der Schaffung eines neuen Geldsystems mit.

 

Sunflower Foundation unterstützt James Glattfelder wegen seiner bahnbrechenden und breit abgestützten Analyse der Realität in seinem Werk „Information – Consciousness – Reality“; damit dieses Wissen einem breiten Publikum zugänglich wird. Beziehungen, Gesellschaft, Wirtschaftsform und Geld hängen eng zusammen und beeinflussen, wie der Einzelne seine Realität wahrnimmt, wie die Gesellschaft Information und Bewusstsein zusammenfügt.

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Letzte Änderung:31/10/2019

Anita Schürch

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Zeitvorsorge zwischen Vision und Alltagspraxis, 2018

Eine ethnografische Untersuchung der Organisation «KISS – Nachbarschaftshilfe mit Zeitgutschriften»

Letzte Änderung:31/10/2019

Samira Hüsler

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Forschungskonzept zur Masterarbeit „Toward a society in which all [elderly people] shine“, 2019

Neuaushandlungen von quasi-familiären Verhältnissen als Teillösung des demographischen Problems in Japan

Letzte Änderung:31/10/2019