Utopien
Thomas Morus, Utopia. 1516
„Von der besten Verfassung des Staates und von der neuen Insel Utopia“, in dem Thomas Morus, wohl in Anlehnung an Platons Dialog Timaios, ein erfundenes Inselreich mit einer ganz anderen Gesellschaftsstruktur beschrieb, als sie zu seiner Zeit in England herrschte.
Herzls Altneuland. Eine Vision. 1902
Theodor Herzls Altneuland entwirft ein utopisches Israel: sozial gerecht, ohne Rassismus, Militarismus oder Trennung der Bevölkerung – ein gemeinsames Land für alle. Gerade heute wäre eine Neuauflage hochaktuell. Die Hagalil-Edition existiert, ist aber vergriffen und nur noch als E-Book erhältlich.
Samuel Butler: Erewhon (1872)
Ein utopischer Klassiker voller Technikskepsis und Anti-Viktorianismus: In dieser Gesellschaft sind Armut, Krankheit und Behinderung Verbrechen, während Mord therapierbar gilt. Universitäten lehren Unvernunft, Kirchen dienen als Banken. Die vergriffene deutsche Übersetzung erschien 1998 in der Anderen Bibliothek.
William Morris. Kunst & Sozialismus
William Morris entwirft eine handwerkliche, selbstverwaltete Utopie: Gemeinschaften, die sich um Schönheit, Arbeit und gegenseitigen Austausch vereinen. Als Begründer des Arts and Crafts Movement feiert er Einfachheit und Kooperation. Die letzte deutsche Ausgabe erschien 2016 bei nautilus; Ruth Kinnas Würdigung ergänzt das Werk eindrucksvoll.
Bolo bolo. von Hans Widmer, 1983
Eine Schweizer Utopie von 1983, noch vereinzelt über linke Webseiten erhältlich. Sie beschreibt kleine, auf freiem Austausch basierende Gemeinschaften – ein vergessenes Gegenmodell zu Konkurrenz und Konsum. Ein Klassiker, dessen Wiederentdeckung heute neue Aufmerksamkeit und inspirierende Impulse verdienen würde.
Ethel Mannin. Bread and Roses, 1944
Diese Utopie ist eher eine Anleitung zur Entstehung von Utopien. Sie behandelt Prinzipien des utopischen Denkens, die Rolle von Kindern, Religion und Gemeinschaft. Mitunter technisch und belehrend, doch ein faszinierender, bislang nie ins Deutsche übersetzter Text über die schöpferische Kraft des utopischen Geistes.
Euhemeros. Heilige Schrift, 4. Jhdt. v. Chr.
Der Euhemerismus gilt oft als naive Religionstheorie – Götter seien vergöttlichte Menschen. Doch Euhemeros bettete diese Idee in die erste Utopie der Geschichte ein: Panchaia, ein vernünftiges, kommunistisches Inselreich, das vorbildliche Menschen statt Götter verehrt. Seine „Heilige Schrift“ richtet sich bewusst gegen Platons autoritäres Atlantis. Der nur über Diodor überlieferte Text ist kurz, aber in Kombination mit Iambulos’ Inseln der Sonne ließe sich seine Bedeutung als Ursprung der utopischen Tradition eindrucksvoll neu beleben.
Foignys „Australienreise“ 1670
Foignys Australienreise (um 1670) ist eine außergewöhnliche „Schiffbruch-Utopie“ auf einer Insel von Hermaphroditen. Anders als Morus, Campanella oder Bacon entwirft Foigny keinen idealen Staat, sondern eine egalitäre, staatsskeptische Gesellschaft. Besonders modern: die Aufhebung der Geschlechter und die Erfindung einer eigenen, geschlechtsneutralen Sprache.
A Country of Ghosts. Margaret Killjoy (2014)
Ein Journalist reist in eine wilde Bergregion, während sein autoritäres Heimatland Krieg führt. Dort entdeckt er eine herrschaftsfreie Gemeinschaft, die ihm wahre Freiheit offenbart. Diese neue, eindrückliche Utopie verbindet politische Kritik mit pädagogischem Erzählen – ein poetisches Plädoyer für Selbstbestimmung und friedliches Zusammenleben.
Fredric Jameson, American Utopia, 2016
Eine ungewöhnliche Utopie des marxistischen Literaturtheoretikers: Er sieht im amerikanischen Militär eine potenziell utopische Institution – international, sozial abgesichert, medizinisch versorgt, effizient und prinzipiell egalitär, wenn Ränge abgeschafft würden. Eine provokante, viel diskutierte Vision, die gesellschaftliche Ordnung radikal neu denkt.
Gerrard Winstanley. „The Law of Freedom in a Platform“ (1652)
Gerrard Winstanley, Anführer der „Digger“-Bewegung, wandte sich gegen Einhegungen und Privatisierung des Gemeinlands. Sein Pamphlet gilt als frühes Zeugnis eines ländlich geprägten Proto-Sozialismus und als Keimzelle des christlichen Sozialismus – ein leidenschaftliches Plädoyer für Gemeinschaft und gemeinsames Eigentum.
Joseph Déjacque, Utopie der Barrikaden, 1860
Joseph Déjacque, einst Anhänger Proudhons, wandte sich wegen dessen Frauenfeindlichkeit ab und entwarf mit L’Humanisphère: Utopie anarchique eine rational-humanistische Gegenutopie. Seine „Utopie der Barrikaden“ ist ein klassisch französisches, anarchistisches Manifest – poetisch, kämpferisch, emanzipatorisch. Die deutsche Übersetzung erschien vergriffen im Karin Kramer Verlag.
Lahontan. Dialoge und die indigene Stimme der Aufklärung, 1703
In dieser Dialogutopie diskutieren der französische Baron de Lahontan und der Wyandot Adario über Eigentum, Politik und Erziehung. Adarios indigene Perspektive stellt Europas feudale Ordnung radikal infrage. Ob fiktiv oder real – seine Stimme, wohl die des Kandiaronk, prägte Rousseau, Diderot und die gesamte französische Aufklärung.
Margaret Cavendish. The Blazing World. 1666
Ein früher feministisch-sozialistisch-mythologischer Roman, der eine leuchtende Gegenwelt entwirft – visionär, poetisch und bis heute inspirierend. Als Klassiker der utopischen Literatur verdient er eine neue, kommentierte Ausgabe. Die einzige erhältliche Fassung erschien einst im scaneg-Verlag, der wohl nicht mehr existiert.
Ursula K. Le Guins Roman Das Auge des Reihers,1978
Ursula Le Guins The Eye of the Heron ist eine der poetischsten und stillsten Utopien überhaupt – eine pazifistische Erzählung von Gemeinschaft und Widerstand. Obwohl Le Guins Werke meist gut zugänglich sind, erschien dieser Roman nur einmal, 1982, im Band FUTURA. Frauen schreiben Science Fiction – längst vergriffen.
Étienne Cabet. „Reise nach Ikarien“ (1840), Die Utopie vor Marx.
Ein klassischer frühkommunistischer Roman, der einen wohldurchdachten Staatssozialismus entwirft. Die daraus entstandene Ikarier-Bewegung fand im 19. Jahrhundert viele Anhänger und gründete mehrere, bald gescheiterte Kolonien. Eine seltene, längst vergriffene deutsche Übersetzung erschien im Karin Kramer Verlag.